Eine Bootsüberführung


Di, 01.05.

Am Dienstag um 5u15 klingelt mal wieder der Wecker. BOAH! Jetzt schnell raus aus der Koje. In dem frühen Morgenlicht zeigt sich der kleine Segelhafen Stade, bei Hamburg, noch ganz verschlafen. Die letzte Nacht auf Helga war zwar kurz aber erholsam. Um Missverständnisse vor zu beugen: Helga ist ein 24 Fuß Kunststoff- Langkieler mit 20 qm Segelfläche, Typ Bandholm 20. Gegen 8u stehen Ralf und Katja, die Bootseigner, auf und es folgt ein gemütliches Frühstück bei herrlich warmem Wetter. Man könnte denken es ist schon Sommer, wir werden jedoch eines besseren belehrt. Um dreiviertel 10 können wir dann endlich auf die Elbe auslaufen, es ist kurz vor Hochwasser hier.
Wir kurbeln also schnell die Fock und das Großsegel hoch und können bald 9 kn über Grund Richtung Brunsbüttel machen (Gezeiten sei dank). Das Boot liegt gut im Wind bei mäßigem Ruderdruck. Leider etwas unruhig und nicht besonders kursstabil, aber das kann am Trimm liegen. Es ist ja das erste Segeln mit dem neuen Schiff! Wir tasten uns auf der Backbord- Seite des Elber Fahrwassers entlang bis wir gegen 14u45 Brunsbüttel erreichen. Nach über 10 Minuten im Wartebereich genügt dann ein kurze Telefonat mit dem Schleusenwärter um uns doch kurzerhand einlaufen zu lassen. Das Schleusen an sich dauert keine 15 Minuten, ich musste mich ran halten mit dem Fotografieren.
Es folgt eine monotone Motorbootfahrt auf dem Nord-Ostsee Kanal mit einer Geschwindigkeit von ca. 4,5 kn. Bei Wind von Vorne wird es zunehmends frisch. Die sonnst so bedrohlichen Frachtschiffe kommen und ganz langsam entgegen oder überholen, man sieht schon ein paar tausend Tonnen umher schwimmen. Zum Durchhalte gibt es Knabbereien und Kaffee, besonders für den Steuermann. Wir erreichen am frühen Abend den Gieselau Kanal nach 4,5 Stunden Motorfahrt und machen fest. Es gibt fein Nudeln mit Pilzsoße aus der Bordküche, zum Glück mehr als ausreichend. Nach einem enttäuschten Wetterbericht kriechen wir schnell in die Kojen und bereiten uns auf ein frühes Aufstehen vor.

Mi, 02.05.

Wir kommen erst um 9u30 los und müssen uns gegen einen stürmischen NO- Wind nach Kiel vor kämpfen, irgendwie ist schon weniger vom Sommer zu spüren. Die letzten 60 km Kanalfahrt sind wie erwartet stink langweilig. An der Schleuse Kiel- Holtenau warten wir zunächst wieder vergebens auf ein Lichtsignal. Ein kurzes Telefonat regelt jedoch alles und wir können schleusen. Wir machen gleich hinter der Schleuse links fest und treffen abends noch einen guten Freund zum Fischbrötchen essen.

Do, 03.05.

Es lacht die liebe Sonne und wir können gegen 9 Uhr die Leinen los schmeißen. Glücklicherweise haben wir die Genua aufgezogen, bei 2-3 Bft aus NO kreuzen wir die Kieler Förde auf, welche zum Glück wenig befahren ist. Durch einen Winddrehung sparen wir ein paar Wenden, jedoch schläft der Wind weiter ein. Somit steuern wir die Marina Wendtorf an und machen kurz vor eins dort fest. Es folgt ein fauler Tag bei dem viel zu lesen ist und das nahe NSG Wendtorf erwandert wird. Nach einem Spaghetti- Pesto Abendbrot aus der Bordküche wird beim Mandel- Schokolade Nachtisch die Route für den kommenden Tag erläutert. Wir gehen nach dem Wetterbericht gleich ins Bett.

Fr, 04.05.

Wir stehen um 7u am Kran stramm um den aus versehen nicht eingesetzte Echolot-Geber ein zuschrauben. Nach einer dreiviertel Stunde legen wir bei leichtem Westwind ab. Wir können in Ruhe frühstücken, haben jedoch nicht die beste Sicht und es scheint jeden Moment zu regnen. Gegen Mittag schläft der Wind leider komplett ein und wir beschließen zu motoren. Als wir Holy Harbour quer ab haben zieht eine dicke Wolkendecke auf, die Schauer begleiten uns bis zur Fehmarn- Sund Brücke. Den restlichen Weg bis Burg Staake motoren wir, es bleibt trocken. Kurz vor sechs legen wir dann in einer großen und charmlosen Marina an. Mein kurzer Landgang bringt 2 Ergebnisse: es gibt hier keinen vernünftigen Bäcker in Hafennähe und auch sonst gibt es nicht viel sehenswertes im nahen Ort. Während Ralf und Katja essen gehen beschließe ich das Schiff nur noch zu verlassen um die Naßräume zu frequentieren. Nach einem gemütlichen Abend in meiner Koje mit Buch fallen mir irgendwann doch die Augen zu...

Sa, 05.05.

Um 6u geht mein Wecker, ich bin mal wieder der erste und versuche zu puschen. Wir machen uns fertig, kochen Wasser für unterwegs und schmeißen um 7u die Leinen los. Der Dunst reißt wenige Meter hinter dem Hafen auf, es lacht uns die Sonne bei 4 Bft aus W an. Fast perfektes Überfahrtwetter eigentlich, leider spüren wir die Jahreszeit. Wir segeln den ganzen Tag trotz Sonnenschein mit Handschuhen, Ölzeug und Unterfunktionswäsche.
Kurz hinter der Abdeckung Fehmarns sehen wir uns einem gutem Meter Welle gegenüber. Das ist im Grunde kein Problem, nur deutet sich eine weitere negative Eigenschaft des Bootes an: im Seegang rollt das kleine Schiff fröhlich hin und her. Immerhin geht es mit der Genua zunächst rasch voran! Da der Wind noch zu nehmen soll wird das Großsegel noch einmal gerefft, sicher ist sicher. Nahe des Schifffahrtsweges Kiel-Ostsee fahren wir 2 kleine Wenden um den Schiffsverkehr vorbei zu lassen. Wenig später flaut der Wind wieder ab und wir können ausreffen. Bald sind wir in der Abdeckung von Falster und somit verkleinert sich die Welle auch wieder.
Gegen 14u machen wir dann in Gedser fest und genießen erst einmal eine heiße Suppe. Es dauert nicht lange, bis wir vorzügliches Hafenkino genießen können. Nach 5 oder 6 vergebenen Anlegeversuchen am anderen Ende des Hafens (und ebenso vielen Fahl- Kollisionen) machte die 40 Fuß Charter- Yacht auf unserer Seite Anstalten die Pfähle zu tangieren. Mangels Vorwand eilen wir also zur Hilfe und vertäuen das Boot. Die Crew bestand aus Laien die nicht einmal in der Lage waren eine Klampe zu belegen, nur der Skipper hatte den Hauch einer Ahnung was passieren sollte. Zu solchen Situationen kommt es immer öfters, weil die Vercharterer ihre Yachten des Profits wegen an Leute verchartern, welche nur einen Sportbootführerschein für Motorboote besitzen. Sie haben weder Vorstellung von den Eigenarten einer Yacht mit ihrer großen Windangriffsfläche, noch können sie die Risiken einer Ostseeüberquerung abschätzen (auch in Bezug auf die Fähigkeiten der Crew). Aber das ist eine andere Geschichte...
Am frühen Abend machen wir uns noch Reis mit viel Gemüse, Käse und Oliven. Vermutlich das beste Essen der Tour, aber das Rennen war knapp! Zum Sonnenuntergang schleppe ich mich noch einmal zum fotografieren von Bord, jedoch mit mittelprächtigem Erfolg. Ich beschließe mit dem Umweg Naßraum in die Koje zu krabbeln und noch etwas zu lesen.


So, 06.05.

Um 5u geht der Wecker, wir haben heute den längsten Abschnitt der Tour vor uns. Um 6u sind dann auch wirklich die Leinen los und wir setzen wieder zur Überquerung der Ostsee an. Es weht eine gute 3 aus West, NW drehend und leicht abnehmend. Wir steuern also mit gutem Wind auf die Insel Hiddensee zu. Am Verkehrstrennungsgebiet Kadetrinne wird es etwas aufregend und wir sind viel am peilen. Aber wie so oft kommen wir gut zwischen durch.
Der Wind nimmt leider noch weiter ab, Höhe Leuchtturm Darß schlagen die Segel unter den heftigen Rollbewegungen Helgas und wir schmeißen den Motor an. Nach dem wir das Fahrwasser vor Barhöft erreicht haben konnten wir zum krönenden Abschluss noch bis nach Stralsund segeln und machen um 18u fest. Wir essen noch auf die schnelle etwas, ich suche einen Bäcker und dann verschwinden wir in den Kojen.

So, 07.05.

Wir zwingen uns um halb Acht aus den Federn, ich besorge die Brötchen und wir können um 8 pünktlich zum Brückenzug die Leinen los schmeißen. Nach der Brücke realisieren wir, dass absolut gar kein Wind weht. Wir motoren also bis zum Ende des Strelasundes und versuchen unser Glück mit dem Großsegel. Da der sehr schwache Wind auch noch von vorne kommt geben wir auf und bezwingen auch den Greifswalder Bodden noch unter Motor. Ab der Knaakrücken Rinne (kurz vor Eingang Peenestrom) haben wir dann aber wieder segeln können, und das bis fast nach Wolgast obwohl wir teilweise kreuzen mussten und Strömung von vorne hatten! Um 17u30 haben wir dann endlich im neuen Heimathafen fest gemacht.

Nach einem schnellen Aus- und flüchtigen Aufräumen an Bord war eine schöne, aber verdammt kalte Segelwoche mit etwa 210 sm im Kielwasser zu ende. Auf jeden Fall ist die Vorfreude auf die Saison und den richtigen Sommer geweckt!

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