Die böse Bildbearbeitung

Und, habt ihr das Originale Bild gesehen? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht. Denn was eine jede Digitalkamera zu jeder Zeit macht, und was sie machen muss, ist schlicht und ergreifend einfach nur knallharte EBV!

So, und ich hoffe es kann sich jetzt jeder selber denken, dass dieser kreative Schaffensprozess quasi nicht reproduzierbar ist. Zum einen hat jeder Hersteller andere Algorithmen, ein und die selbe Rose sieht also bei 2 Herstellern durchaus irgendwie anders aus. Und zum anderen sind die Automatiken sehr leicht durch kleine Variationen in den Bedingungen sehr schnell aus dem Konzept zu bringen. Ich denke nur an die klassische Fehlbelichtung bei Gegenlichtaufnahmen.

„Ja, na da ist ja nur die digitale Technik dran schuld, beim Film gab es so etwas nicht“, mag der eine oder andere jetzt entgegnen. Dazu kann ich dann auch nur sagen, dass das komplett falsch ist.
Zunächst einmal gab (gibt) es sehr viele verschiedene Filme von vielen Herstellern die sich alle in ihrer Farb- und Kontrastwiedergabe unterscheiden, somit ist das der Erste Eingriff eines Fotografen in sein Bild, welchen Film lege ich in die Kamera?
Und beim Entwickeln der Bilder geht es dann weiter, es kommt nämlich sehr wohl darauf an wie lange die entsprechenden Lösungen wirken können. So konnten Fehler in der Belichtung ausgeglichen werden. Es wurden selbstverständlich bereits früher Bildausschnitte gemacht und somit auch ggf. Kompositionen im Nachhinein verändert. Da braucht man ja nur was abschneiden. Die pfiffigen Fotokünstler haben sich auch damals schon sehr viele verschiedene Techniken einfallen lassen. Diese wurden (zumindest vom Namen her) auch in Computer- Algorithmen von heutigen Bildbearbeitungsprogrammen übernommen. Unscharf maskiert wurde früher schon genutzt um die Schärfe zu verbessern, oder das gute alte Abwedeln eines Fotos um lokal die Helligkeit anzupassen. Der Fotograf hat also schon seit sehr langer Zeit umfassende Kontrolle über sein Bild, auch und gerade nach dem eigentlichen fotografieren.
Und für Leute, die diese Kontrolle nicht genutzt haben heißt dies nicht unbedingt, dass ein Urlaubsfilm der aus dem Labor kommt, in dem Sinne „echt“ und unbearbeitet ist. In einem Großlabor werden oft ebenfalls Automatiken und Belichtungeskorrekturen durchgeführt, um kleine Belichtungsfehler des Kunden auszugleichen. Und Mutti freut sich dann, wie schön knackig und Bunt die Bilder vom Strand wieder geworden sind. Das gilt natürlich auch für professionelle Fotografen, die einfach keine Zeit haben ihre Bilder selber zu entwickeln. Eventuell schauen dies sich aber das Labor etwas genauer und kritischer an, welches sie beauftragen.

Also ich habe immer noch kein „Echtes“ Foto finden können. Daher kann ich es auch nicht so ganz nach vollziehen, dass immer von der bösen Nachbearbeitung gesprochen wird. Fotografen bearbeiten ihre Fotos, wenn sie sie wirklich komplett alleine machen wollen und sich nicht auf Algorithmen und Automatiken verlassen wollen. Es werden Aufnahmen im RAW- Dateiformat gemacht und anschließend alle Parameter die die Kamera machen würde alleine von Hand vor genommen. Weißabgleich, Belichtungskorrektur, Tonwert- und Gradationskurven, Sättigung und Schärfe sind die grundlegenden Arbeitsschritte. Am Ende hat der Fotograf dann ein Foto, genau so wie er es zeigen wollte und es sich vorgestellt hat, kein Einheitsbrei und Automatikprodukt. Der Fotograf kann sich hervor heben und ausdrücken wie er es möchte.

Um jetzt nicht zu idealistisch und blauäugig an die Geschichte zu gehen muss ich sagen, dass mit EBV nicht nur absolute Kontrolle über ein Bild zur Verfügung steht sondern auch die Macht drastische Bildmanipulationen durchzuführen. Das ist wahrscheinlich das, was der Ottonormalverbraucher sich unter „Bild bearbeiten“ vor stellt. Das gefährliche daran im Gegensatz noch zur Analogfotografie: es wird immer besser und ist nicht unbedingt augenscheinlich!
Ich denke z.B. an Composings, Bildmontagen also, wo 2 oder mehrere unterschiedliche Bilder von unterschiedlichen Orten, Zeiten und/oder Bildausschnitten zu einem kombiniert werden. Dem Betrachter ist dies nicht immer ersichtlich, manchmal wird es auch verschwiegen oder gar verleugnet. Dadurch verlieren alle Fotografischen Werke einen Großen Teil seiner Glaubwürdigkeit, ein sehr großes Problem in der Naturfotografie nebenbei gesagt. Weitere Bearbeitungsmethoden (die ich zwar als grenzwertig ansehe, aber nicht prinzipiell aus meinem Workflow verbanne) sind z.B. das partielle Aufhellen oder Abdunkeln von einzelnen Bildteilen oder das gezielte verwischen und Homogenisieren des Hintergrundes einer Aufnahme.
Was ist denn nun erlaubt und was nicht? Eine erste nützliche Anlaufstelle sind sicherlich die Bearbeitungsrichtlinien der GDT, welche die meisten Fragen klären. Grundlegender Gedanke ist hier, dass die Bildaussage und Bildwirkung nicht grundlegend und wesentlich von den gängigen Automatisch- Generierten Bildeindrücken verschieden sein dürfen. Einen Großen Mond in den Himmel zu setzen, Regen dazu zu malen, einen angeschnittenen Ast weg retuschieren oder einen Himmel auszutauschen (wie in meinem Beispiel) wären hier nur ein paar „illegale“ Praktiken. Eine extrem krasse Kontrast- oder Sättigungsanhebung wären hier ebenfalls denkbar.
Und da die Möglichkeiten immer einfacher und teilweise auch schon automatisiert zur Verfügung stehen sinkt die Hemmschwelle immer weiter. Die grenze von Fotograf und Grafiker verschwimmt zunehmend.

Wir sollten uns also alle Bewusst sein, dass eine Fotografie, also ein Bild, nur ein Medium darstellt. Es wird nie die Realität so zeigen können wie sie ist, sondern ist nur eine Interpretation dieser so wie der Fotograf sie gesehen hat (oder zeigen möchte). Ein Unbearbeitetes Bild (OOC) gab es nie und kann es auch nie geben, nur automatisch bearbeitete Bilder. Durch die digitale Technik wird es immer einfacher auch krasse Bildmanipulationen in guter Qualität vor zu nehmen. Ohne EBV geht es nun mal nicht, aber wir sollten einfach ehrlich miteinander um gehen wenn wir Bilder manipulieren und dies auch entsprechend deklarieren. Alles was über die „normalen“ Kamera- Parameter hinaus manuell verändert oder angepasst wird sollte kritisch hinterfragt und möglichst zu dem Bild dazu geschrieben werden. Was nun „gut“ oder „schlecht“ ist, darüber muss sich dann eben ausgiebig ausgetauscht werden.

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