darktable: eine RAW-volution

Ein langes Wochenende geht zu ende, mehrere Tausend Aufnahmen sind im Kasten. Doch jetzt fängt meist die eigentliche Arbeit erst an. Nach dem alle Aufnahmen gesichtet und sortiert sind, reihen sich eigentlich schon wieder viel zu viele RAW- Aufnahmen in der Schlange zum RAW- Konverter ein. Zur Prozessierung hunderter von Megapixeln habe ich, mangels guter Alternative unter Linux, bis vor kurzem das Programm UFRaw benutzt. Eine Fleißarbeit, jede Aufnahme wurde einzeln geöffnet und die Regler hin und her geschubst bis es passte. Anschließend musst erst das geöffnete RAW prozessiert werden, bevor ich die nächste Aufnahme anfangen konnte. Die RAW-volution begann dann damit, dass ich von dem sehr jungen aber bereits unglaublich mächtigen Programm darktable las.

unter der Haube

Bei darktable handelt es sich um ein Open Source Projekt das den kompletten Fotografischen Workflow abdeckt, von der Bildaufnahme über die Verwaltung der Fotos bis zur RAW- Entwicklung und Optimierung fürs Web. Da es nativ in GTK+ geschrieben ist passt es sich perfekt in meinen GNOME Desktop ein, sollte aber auch unter KDE ohne Probleme laufen. In den gängigen Linux- Distributionen als Standard Paket vorhanden, steht auch eine (noch experimentelle) Version für MAC OS X zum Download bereit. Alle Bearbeitungsschritte sind nicht destruktiv und werden ausnahmslos mit 32 Bit Fließkommagenauigkeit vorgenommen, was beste Ergebnisse garantiert. Um diese enorme Datenflut möglichst schnell zu prozessieren wird das Rechnern auf der Grafikkarte mit OpenCL unterstützt. Es besitzt eine Fullscreen Oberfläche die alle Bearbeitungsschritte auf aktueller Hardware (auch ohne OpenCL) nahezu verzögerunsfrei in einer Vorschau durchführt.

Nicht erwähnt werden muss ein natives Farbmanagement, die Unterstützung nahezu aller RAW- Bildformate zzgl. aller gängigen Bitmap Formate wie JPEG, Tiff, PNG etc.. Sowohl der Import als auch der Export von HDR Bildern (EXR, PFM, 16 Bit TIFF etc.) stellen kein Problem dar. Das bereits in 17 Sprachen (auch Deutsch) übersetzte Programm unterstützt neben dem normalen Export zu beispielsweise JPG oder TIFF auch ein Plugin für den Direktexport zu Flickr, Picasa, eMail und kann eine HTML Galerie ausgeben.

Zu Verwaltung mehrerer tausend Dateien nutzt darktable eine Datenbank und kann somit sehr schnell auch auf komplexe Suchanfragen nach Tags, Bildbewertung (Sterne), Farbmarkierungen, EXIF- Informationen und vielem mehr reagieren. Das Verändern von Metadaten ist kein Problem, diese werden je nach Geschmack in die Datei oder eine extra XMP Datei geschrieben.

Der RAW- Konverter ist grundsätzlich modular aufgebaut. Es existieren zur Zeit 47 verschiedene Module zur Bildbearbeitung, was etwa 5 mal so viele Module sind wie UFRaw Regler hatte. Viele Module erledigen eine spezifische Aufgabe (z.B. Schärfen, Weißablgeich, Wasserzeichen etc.), andere jedoch sind Multitalente und können auf viele Art und Weise Einfluss auf das Bildresultat nehmen. Es stehen in darktable aber auch oft mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, um eine konkrete Aufgabe zu lösen (z.B. Entrauschen, Farbgebung, Schärfe Kontrast etc.).

Aufbau und Benutzung

Die Oberfläche erinnert stark an große bekannte kommerzielle Produkte, aber warum sollte man nicht auf bewährte Dinge zurück greifen können. Das Programm funktioniert grundsätzlich in 3 Modi: dem Leuchttisch, der Dunkelkammer und Tethering. Da leider (zur Zeit) das Tethering (also das Fernsteuern) einer über USB angeschlossenen Pentax DSLR nicht unterstützt wird, muss ich diesen Teil aussparen. Für mich persönlich ist dieses Feature nicht relevant und bremst die Freude an darktable kein Stück.

Der Leuchttisch- Modus ist die Bildverwaltung von Darktable. Im linken Panel können Bilder nach verschiedenen Kriterien sortiert oder importiert werden, diese werden dann im zentralen Bereich dargestellt. Weitere Filter- Optionen sind in der oberen und unteren Leiste möglich. Im rechten Panel kann auf eine Auswahl von Bildern eine bestimmte Aktion angewandt werden. Neben dem Löschen und Exportieren von Bildern ist auch das Kopieren oder Löschen von Verlaufsstapeln (dazu komme ich gleich) möglich. Alle 4 Bildränder können einzeln und nach Bedarf Ein und Aus geklappt werden, um somit noch mehr Platz für die Anzeige der Bilder zu machen. Im Leuchttisch- Modus kann nach Belieben gezoomt werden, also die Größe der Vorschaubilder verändert werden.

Am interessantesten (für mich) ist jedenfalls der Dunkelkammer- Modus, welcher durch einen Doppelklick auf das Bild erreichbar ist. Wie der Name schon andeutet ist das die RAW- Konverter Funktion von darktable. Im linken Panel finden sich viele Nützliche Informationen wie EXIFs, eine Bildvorschau und der Verlaufsstapel. Was zum Geier ist also nun ein Verlaufsstapel? Unter einem Verlaufsstapel versteht darktable die Summe aller auf ein Bild angewandter Module inklusive ihrer Einstellugnen, also nichts anders als alle Parameter die bei der Bildprozessierung angewendet werden. Kopiert man nun einen Verlaufsstapel von einem Bild auf ein anders (im Leuchttisch- Modus), so werden beide Bilder absolut identisch entwickelt. Das ist insbesondere wichtig für die Einzelbilder von Panorama- Aufnahmen, um diese später nahtlos zusammenfügen zu können. Außerdem lassen sich Verlaufsstapel als Stile abspeichern. Diese Presets können dann über einen Button an der unteren linken Bildecke schnell auf ein Bild angewendet werden. Am unteren Bildrand kann eine Bildleiste zur schnellen Navigation zwischen den Bildern eingeblendet werden, im Zentrum wird dann das Bild dargestellt. Es handelt sich hierbei um eine verkleinerte Vorschau, die bei der Änderung eines Modules quasi in Echtzeit aktualisiert wird. Mit dem Mausrad kann man flexibel zoomen, mit Klicks der mittleren Maustaste schaltet man schnell zwischen 100%, 200% und der Übersichtsgröße um.

Im rechten Panel findet sich schließlich ein Histogramm und die gruppierten Module. Im Histogramm kann zu jedem Zeitpunkt durch Ziehen mit der linken Maustaste oder aber mit dem Mausrad Helligkeit und Schwarzpunkt angepasst werden. Die Module sind darunter in 7 Tabs organisiert: Aktuell verwendete Module (alles was eingeschaltet ist), Favoriten (selber konfigurierbar), Basisgruppe, Helligkeitsgruppe, Farbgruppe, Korrekturgruppe und Effektgruppe. Unter diesem Bereich findet sich noch eine Schaltfläche "weitere Module". Hier kann bestimmt werden, welche Module überhaupt angezeigt werden sollen und welche zusätzlich im Favoriten- Tab erscheinen sollen. Links neben jedem Modulnamen findet sich ein kleines Power- Symbol mit dem jedes Modul nach Bedarf aktiviert oder deaktiviert werden kann. Spätestens jetzt klappen sich die Modul- Regler aus und man kann nach Belieben Einstellungen vornehmen. Einmal gemachte Einstellungen können ebenfalls als Presets zu dem Modul gespeichert werden und sind so immer schnell zur Hand (kleines Listensymbol neben dem Namen). Wenn man sich total verrant hat genügt ein Klick auf das kleine Kreis- Symbol um die Einstellungen des Moduls wieder zurück zu setzen. Es ist auch eine Snapshot- Funktion an Bord, mit der es sich sehr einfach verschiedene Bearbeitungsschritte vergleichen lässt.

Auch toll finde ich die Möglichkeit viele Module überblenden zu können, um den Effekt durch eine geringere Deckkraft abzuschwächen. Sobald dann alles passt kann man mit einem Doppelklick wieder zum Leuchttisch- Modus zurück kehren. Speichern ist nicht nötig, es wird simultan im Hintergrund zu jedem Bild eine Datei geschrieben, die den kompletten Verlaufsstapel enthält. Von darktable wird vorerst nur eine kleine Bildvorschau (Thumbnail) auf der Festplatte gepeichert, um diese im Leuchttischmodus anzuzeigen.

ein paar Highlights

Das größte Highlight für mich ist das Equalizer- Tool. Mit Hilfe von Kurven kann man Gezielt die Kontraste in Abhängigkeit von der Detailgröße festlegen. Mit einem Modul kann man also schärfen, Rauschen unterdrücken und gleichzeitig den lokalen Kontrast erhöhen. Es bedarf etwas Übung und Eingewöhnung, aber das Teil rockt auf jeden Fall! Um die Tonwerte im Bild anzupassen ist noch ein Zonensystem- Modul zu Diensten. Das Bild wird anhand der Helligkeit der Pixel in Zonen gruppiert (Anzahl der Zonen frei wählbar), welche dann nach belieben in der Helligkeit angepasst werden können. Das geht meist Schneller und präziser als mit einem Regler oder nur einer Kurve. Um auf die Farben Einfluss zu nehmen gibt es das Farbwerte- Modul, was ähnlich innovatv bedient wird wie der Equalizer Modul. Es können die Pixel auf Grundlage ihrer Farbe, Helligkeit oder Kontrastes ausgewählt werden um anschließend die Helligkeit, Sättigung oder den Farbwert zu verändern. Mit diesem von der Bedienung dem Equalizer ähnlichen Modul kann im Handumdrehen der Hautton (wie die knallrote Nase vom betrunkenen Onkel) korrigiert werden. Gelegentlich kann auch das Modul zur Wiederherstellung der Schatten und Lichter sehr nützlich sein.

Auf Grundlegende Module wie Weißabgleich und auf die vielem Möglichkeiten zum Schärfen und Entrauschen möchte ich nicht ein gehen. Es sei aber noch erwähnt, dass das Modul zum Zuschneiden und Drehen sehr einfach und schnell zu bedienen ist. Ich kann mit der rechten Maustaste eine Linie entlang des (schiefen) Horizontes ziehen, und das Bild wird automatisch "ins Wasser" gedreht. Alle Parameter, wozu auch eine Trapez- Perspektivkorrektur gehört, können aber auch numerisch eingegeben werden, falls gewünscht. Es ist auch möglich Objektivfehler (Verzeichnung, CAs, Vignettierung etc.) heraus zu rechnen, man kann sogar seinen selbst erstellten Preset automatisch auf alle Bilder anwenden lassen, welche z.B. mit 20mm und Offenblende aufgenommen wurden. Den Aufwand der Kalibrierung habe ich bis jetzt gescheut, viel öfter nutze ich aber das Modul zum Flecken entfernen. Damit lässt sich Sensordreck automatisch entfernen, sehr nützlich wenn man das nicht bei jedem Bild einzeln stempeln muss sondern den Verlaufsstapel einfach auf alle betroffenen Bilder anwenden kann!

Nebenbei beschränken sich die Module nicht nur auf das Händling von RAW- Dateien. Ich finde es überaus praktisch, auch die JPG- Dateien meiner GoPro einlesen zu können. Ich kann also die Optimierungen mit den gleichen Werkzeugen erledigen, die ich auch von meinem RAW- Workflow gewohnt bin. Klar mit vielen Einschränkungen aufgrund des 8 Bit JPGs, aber die habe ich ja überall.

Zusammenfassung

Auch wenn ich lange nicht alle Funktionen des sehr jungen Projekts ausnutze, bin ich gespannt auf die vielen Neuerungen die es noch geben wird. Die Menge an kreativen Möglichkeiten die es bereits jetzt bietet ist eine RAW-volution in meinem Workflow. Hinzu kommt, dass ich quasi ohne Verzögerung alle Bilder so einrichten kann, wie ich sie gerne hätte. Während dann die finalen JPGs in voller Auflösung exportiert werden, kann ich mir in alle Ruhe einen Tee machen und mich zurück lehnen. Auf meinem Netbook bzw. einem schwächeren Rechner ohne OpenCL Unterstützung dauert das zwar auch mal bis zu 1,5 Minuten pro Bild (je nach aktiven Modulen), aber ich kann den Export immer noch über Nacht laufen lassen und habe so die Bilder am nächsten Tag. Und jetzt müssen auch die wenigsten JPGs noch in GIMP geöffnet werden, schließlich habe ich bereits lokalen Kontrast hinzu gefügt, geschärft, entrauscht und auch etwaigen Sensordreck erfolgreich entfernt. Ich spare viele Stunden unnötiger Arbeit mit Hilfe von darktable und kann so viel mehr Zeit damit verbringen Fotos zu machen oder Tee zu trinken.

Leuchttisch





Dunkelkammer mit aktivem Zonensystem- Modul.





Die Snapshot Funktion erlaubt ein schnelles vergleichen von Bearbeitungsschritten, alle 4 Bildränder lassen sich wegklappen.





Insgesammt 47 verschiedene Module stehen zur Auswahl. Alle hellgrau hinterlegten Module werden wirklich angezeigt, alle rot hinterlegten Module finden sich auch im Favoriten- Tab wieder.





Der Eaqualizer ist ein mächtiges Tool um Rauschen und Kontraste zu kontrolieren, hier wurde der lokale Kontrast vor allem an den groben Strukturen angehoben.





Mit dem Modul Farbbereiche gelingt spielend leicht die farbliche Feinabstimmung, hier wurde die Helligkeit der Brauntöne verringert und die Grüntöne heller gemacht.





Das Modul Objektivkorrektur kann chromatische Abberationen und Verzeichnung korrigieren.

Kommentare  

 
#4 sven 2014-04-17 21:48
zitiere micha:
Du schreibst etwas von leichten Export in JPG, sagst dann aber das ein speichern nicht notwendig ist.

Der Export, also das Entwickeln der RAW Datei in ein JPEG, ist kinderleicht. Es ist nicht nötig Änderungen, die man im Dunkelkammermodus an dem Bild vornimmt, einzeln zu speichern. Das geschieht in Echtzeit durch Schreiben einer Sidecar Datei.
zitiere micha:
Aber die Export-/Speicherfunktion habe ich nicht entdeckt.
Ist die irgendwo beim Leuchttisch versteckt?

Ja wenn du in der rechten Leiste guckst ist es das letzte "Modul" welches dort aufgeführt ist. Hier kann neben Dateiformat und Pfad zum Abspeichern des JPEG (oder PNG oder...) auch noch eine Begrenzung der Auflösung eingegeben werden. Mit klick auf den Button werden dann alle im Leuchttisch markierten Bilder nacheinander exportiert.

lg
Sven
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#3 micha 2014-04-11 18:31
Du schreibst etwas von leichten Export in JPG, sagst dann aber das ein speichern nicht notwendig ist.
Ich habe das Programm gerade zum ersten mal getestet und bin erstaunt was da Alles geht.
Aber die Export-/Speiche rfunktion habe ich nicht entdeckt.
Ist die irgendwo beim Leuchttisch versteckt?
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#2 sven 2012-10-25 09:15
zitiere Jens:
Wie viele nutzt du davon effektiv?


Also sichtbar sind bei mir ca. 20 Module, regelmäßig benutze ich aber "nur" um die 13 (=Favoriten).

lg
Sven
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#1 Jens 2012-10-24 22:53
schöner artikel! :-)
vor allem das Zonenmodul gefällt mir. da würde ich mir in meinem workflow gerne mal ein paar mehr differenzierung en in der helligkeitsvert eilung zum bearbeiten wünschen. ansonsten wie du es schon sagst, sehr ähnlich gewissen kommerziellen produkten. aber gut, dass es sowas auch als oss gibt!
47 Module? Wie viele nutzt du davon effektiv?
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